|

1889 entdeckte der englische Arzt Head die nach ihm benannten
Hautzonen, die mit Hyperalgesie reagieren, wenn ihnen
zugeordnete, innere Organe erkranken. Schmerzen in einem
bestimmten Dermatom können daher als Leitsymptome für innere
Erkrankungen gelten, bekannt sind der in den Rücken
ausstrahlende Schmerz bei Pankreatitis und die Ausstrahlung in
linke Schulter und Arm bei Angina pectoris.
 |
|
Ein Dermatom und die ihm
zugeordneten Organe werden als Segment bezeichnet.
Die aus dieser Theorie abgeleiteten
"Segmenttherapien" basieren aufder Erkenntnis, daß
alle Teile eines Segments auf exogene Reize
reflektorisch als Einheit antworten. Auf der
Grundlage dieser Erkenntnisse wurde eine Reihe von
Behand- lungsmethoden entwickelt, die die Regulation
gestörter Organfunktionen über die Reflexzonen zum
Ziel hat. So gehört z.B. im weitesten Sinne zu
diesen Therapieformen bereits Mutters Wärmflasche
bei Magen-Darm-Beschwerden oder bei Dys- menorrhoe,
wobei der lindernde Effekt dieser "Thermotherapie"
auf einer durch vagale Reflexe vermittelten
Krampflösung beruht. Methoden der Kneipptherapie,
Blitzgüsse, Reflexzonentherapie, Bindegewebsmassagen
bis hin zu den Quaddeln der Neuraltherapie folgen
dem gleichen Prinzip. |
|
Ein typisches, erfolgreiches Verfahren aus dem Bereich der
"Segmenttherapien" ist die Neuraltherapie des Arztes Ferdinand
Huneke. Die Neuraltherapie verwendet seit 1925 sowohl zur
Differentialdiagnose als auch zur Therapie ausschließlich
Lokalanästhetika, traditionell in erster Linie Procain, aber
auch Lidocain und Scandicain. Im Vordergrund stehen hier
einige physiologische Wirkungen des Procains, nämlich
Membranstabilisierung, Kapillarabdichtung,
Antihistaminwirkung, antiphlogistische Eigenschaften und
Verbesserung der Mikrozirkulation. Die Injektion von Procain
in ein Hautsegment wirkt regulierend auf das zugehörige Organ.
Dem vegetativen Nervensystem fällt dabei die entscheidende
Vermittlerrolle zu.
|
Der heute allgemein gebräuchliche
Name "Neuraltherapie" faßt die Segmenttherapie mit
Lokalanästhetika und das - auch als
"Sekunden-Phänomen" bezeichnete
Herd-Störfeldgeschehen in einer Therapie zusammen.
Das "Sekunden-Phänomen" beruht auf der Beobachtung,
daß "Störfelder" eine krankmachende Fernwirkung auf
Organe haben können. Durch "Ausschalten des
Störfeldes", z.B. durch Unterspritzen einer
störaktiven Narbe, kann, manchmal in
Sekundenschnelle, eine Besserung der Beschwerden
eintreten. |
|
 |
Jedes Areal und jedes Organ, das pathologisch verändert ist,
kann die Fähigkeit annehmen, über die nächste Umgebung hinaus
andere Erkrankungen hervorzurufen oder zu unterhalten. Das
Störfeld ist gewissermaßen eine im Vegetativum verankerte
Information, die die segmentale Ordnung durchbricht. Dieses
Engramm kann jahrelang ruhen und wird in der Regel erst durch
einen Additivreiz aktiviert.
Klicken Sie einmal auf diesen Link um zu sehen, wie Zähne zu
Körperorganen in Beziehung stehen.
Die Folgen...
Eine Untersuchung an 100 Patienten mit einer rheumatischen
Erkrankung, davon 26 c.P.-Patienten (21 Frauen und fünf
Männer), ergab, daß 88% der Polyarthritisfälle störfeldbedingt
oder zumindest -beeinflußt waren. Störfelder im
Hals-Nasen-Bereich, z.B. Nebenhöhlenerkrankungen, entzündete
Tonsillen und Granulome bzw. devitale Zähne, nahmen mit 81 %
den Löwenanteil ein. Eine Behandlung der jeweiligen Areale
brachte in fast allen Fällen eine deutliche Besserung.
Besteht der Verdacht auf ein Störfeld oder Herdgeschehen, so
sollte das Unter- und Umspritzen des Areals baldige Besserung
der Beschwerden bringen. So sind z.B. die Mandeln und die
Narben nach Mandel-OP sehr häufig Störfelder.
Der Verdacht auf ein Herd-Störfeld-Geschehen ergibt sich, wenn
man folgende Krankheitsverläufe beobachtet:
- Therapieresistenz einer Erkrankung,
- passagere Verschlimmerung nach lokaler neuraltherapeutischer
Behandlung,
- plötzliches Auftreten einer Erkrankung nach einem
Additivreiz und
- Halbseiteneffekt, bei dem eine Körperhälfte anfälliger ist
als die andere.
|
Zum Testen der Mandeln bzw. der
Mandel-Narben werden an allen vier Mandelpolen dicht
unter die Schleimhaut kleine Mengen (0,5 ml) eines
Lokalanästhetikums injiziert. Nach einer derartigen
Behandlung sollten die Beschwerden augenblicklich
und mindestens für die Dauer von 20 Stunden
verschwinden, wenn die Mandeln bzw. Narben
tatsächlich das verantwortliche Störfeld dargestellt
haben.
Natürlich ist nicht in jedem Fall ein Störfeld
ursächlich an der Ausbildung einer chronischen
Erkrankung beteiligt. Bei Migräne und
Stirnkopfschmerzen beispielsweise sind eine Unzahl
weiterer Faktoren in Betracht zu ziehen: Ererbte
Disposition, Störungen im Neurotransmittersystem,
ständig erhöhter Sympathikotonie, Kopfge-
lenkblockierungen mit Irritationen im Bereich des
Ganglion cervicale sup., um nur einige zu nennen.
Als segmentale Behandlung der Migräne empfiehlt sich
die Injektion von 1 ml Procain an das Ganglion
stellatum, u.U. auch beiderseits, sowie 0,2 bis 0,5
ml unter die Kopfschwarte in die vom Patienten bei
der Palpation beschriebenen Schmerzpunkte am Schädel
und in der Schläfen- bzw. Scheitelbeingegend. |
|
 |
|
Der Wirkmechanismus
dieser zunächst rein empirischen Regulationstherapie lag
lange Zeit im Dunkeln. Nach Annahmen der "Wiener Schule"
ist die Erklärung der Wirkung in dem "System der
Grundregulation" zu sehen, die als Funktionseinheit von
Zellen des weichen Bindegewebes, der Kapillaren und der
peripheren vegetativ-neuralen Endformationen die
Zusammensetzung und Beschaffenheit der extrazellulären
Flüssigkeit reguliert.
Eine zentrale Stellung in diesem System nehmen die
Fibrozyten ein, die noch weitgehend undifferenzierten
Bindegewebszellen, die die Grundsubstanz aufbauen und
ständig erneuern. Sie synthetisieren ein Netzwerk aus
hochpolymeren Zucker-Protein-Komplexen. Dieses Maschenwerk
durchzieht die Extrazellularräume und dient nicht nur zur
Stabilisierung des Gewebes, sondern auch zur schnellen und
geordneten Informationsweiterleitung.
Es ist also keinesfalls statisch zu sehen und kann sehr
schnell den jeweiligen Erfordernissen angepaßt werden.
Daher hinterlassen auch schädigende Einflüsse aus der
Umwelt wie Verletzungen, Toxine, Schwermetalle, Alkohol
und Nikotin, aber auch Streß und psychische Belastungen
ihre Spuren in der Grundsubstanz.
In dem Bemühen, das physiologische Gleichgewicht
aufrechtzuerhalten, ist der Organismus in der Lage,
derartige Störungen eine geraume Zeit zu kompensieren. Bei
zunehmender Belastung jedoch bzw. durch Blockierung des
einen oder anderen Regelkreises kann es zu einem
partiellen Defekt oder gar zum Zusammenbruch des ganzen
Systems kommen. |
Procain in der neuraltherapeutischen Anwendung führt, neben
den bereits genannten pharmakologischen Wirkungen, zu einer
Hyperpolarisation des infiltrierten Gewebes. Störreize können
auf diese Weise für einige Zeit ausgeschaltet werden. Solange
die Wirkung auch kleinster Mengen des Lokalanästhetikums
anhält, können die selbstregulatorischen Vorgänge sozusagen
ungestört wieder in Gang kommen.
Trotz der nach wie vor offenen Fragen im Bereich der
Grundlagenforschung ist die Neuraltherapie in zahlreichen
Schmerzkliniken und Ambulanzen etabliert. Auch von Seiten der
Krankenkassen wurde der Neuraltherapie der Stellenwert einer
"Praxisspezialität" zuerkannt. Dennoch gehört die Therapie zu
der sog. IGEL - Liste (Individuelle Gesundheits-Leistung), ist
also keine Krankenleistung.
|